11. September 2021

 

SF-Preise im deutschsprachigen Raum

Es ist mal wieder diese Zeit des Jahres

 

Die zweite Jahreshälfte (manchmal auch schon etwas früher) ist traditionell die Zeit der Literaturpreise: Hier erfolgt – mit Blick auf die phantastische Literatur – die Vergabe von Hugo, Nebula, etc. Im deutschsprachigen Raum haben sich für das SF-Genre zwei Preise etabliert: Der Kurd-Laßwitz-Preis (KLP) und der Deutsche Science-Fiction-Preis (DSFP).

 

Traditionell ist diese "Award Season" dann auch die Zeit des Jahres, zu der nach Bekanntgabe der Nominierungen und/oder Gewinnertitel Diskussionen über eben diese entbrennen. Oder eben gerade nicht. Denn unglücklicherweise hat es sich in der „Szene“ mittlerweile eingebürgert, sich nur noch am Rande über die fraglichen Titel, die Qualität der Preisträger oder möglicherweise zu Unrecht übersehene Werke auszutauschen. Es wird vielmehr fast ausschließlich über die Sinnhaftigkeit der Preise an sich, über deren Vergabemodus oder die mangelnde Eignung der Abstimmenden diskutiert.

 

Apropos: Wer sind denn überhaupt die Abstimmenden?

 

Der Kurd-Laßwitz-Preis wird in bis zu acht Kategorien vergeben, derzeit sind das: Roman, Erzählung, ausländisches Werk, Übersetzung, Grafik, Hörspiel sowie Sonderpreise für einmalige bzw. langjährige herausragende Leistungen im Bereich der deutschsprachigen SF.

Er wurde einst als eine von Genre-Insidern vergebene Auszeichnung geschaffen. Das bedeutet: Abstimmungsberechtigt sind Menschen, die im weitesten Sinne im Bereich der deutschsprachigen SF tätig sind, sich also z.B. durch das Schreiben, Herausgeben, Übersetzen, Illustrieren oder Verlegen von Science-Fiction-Werken aktiv am Genre beteiligen. Ein Treuhänder verwaltet die Liste der infrage kommenden Personen und vergibt daraufhin Einladungen. Wer also einmal die Berechtigung erhalten hat, ist von da an stimmberechtigt. Laut KLP-Homepage machten zuletzt knapp 100 Personen von diesem Recht Gebrauch.

Der Modus: Bis Ende Januar können Vorschläge eingereicht werden; dann werden, vereinfacht gesagt, die meistgenannten Werke auf die Nominierungsliste gesetzt, die pro Kategorie zwischen vier und zwölf Titel enthalten kann (das variiert stark). Nachdem diese „Short Lists“ bekanntgegeben wurden, bleibt noch einmal bis Ende März Zeit, um über die Vorschläge abzustimmen – hierbei können von allen Stimmberechtigten maximal fünf Werke genannt und mit 1 bis 5 Punkten bedacht werden. Aus der Summe aller Einreichungen ergeben sich dann die Siegertitel. Einzige Ausnahmen sind die Bereiche „Übersetzung“ und „Hörspiel“, die von einer eigenen Jury vergeben werden, für die man sich als interessierter Insider beim Treuhänder bewerben kann.

 

Der Deutsche Science-Fiction-Preis ist hingegen ein reiner Jury-Preis und vergibt Auszeichnungen in den Kategorien Roman und Kurzgeschichte. Er wurde einst vom „Science Fiction Club Deutschland (SFCD)“ ins Leben gerufen, unter dessen Ägide er nach wie vor geführt wird. Zumindest theoretisch. Praktisch ist es allerdings so, dass keine Club-Mitgliedschaft erforderlich ist, um sich am Komitee zu beteiligen. Kurzum: Alle SF-Fans, die genug Zeit, Lust und Engagement mitbringen, dürfen mitmachen.

Der Modus: Jedes Komiteemitglied bemüht sich zunächst, möglichst viele Werke des aktuellen Jahrgangs zu lesen. Ursprünglich war der Anspruch, dass alle Romane und alle Kurzgeschichten, die im relevanten Zeitraum erschienen sind, von mindestens einem Jurymitglied gelesen werden und somit nichts übersehen wird. Das ist bei mittlerweile rund 200 jährlichen deutschsprachigen SF-Neuerscheinungen nicht mehr möglich, so dass hier schon eine erste Vorauswahl getroffen werden muss.

Zu einem vorher benannten Zeitpunkt gibt jedes Mitglied seine Nominierungsvorschläge ab – in der Regel drei bis fünf Titel, das kann von Jahr zu Jahr schwanken und wird intern vorab festgelegt. Auch hier gilt zunächst die Faustregel: Die Meistgenannten werden nominiert. Es wird allerdings vor der endgültigen Entscheidung auf Basis dieser ersten Vorschläge noch innerhalb der Jury diskutiert, Zeit für nachzuholende Lektüre eingeräumt und ggf. nachnominiert. Schließlich hat man sich auf üblicherweise zwischen fünf und zehn Titeln je Kategorie geeinigt und gibt diese Nominierungsliste offiziell bekannt. 

Anschließend folgt noch eine Phase von einigen Wochen, in der alle Abstimmenden ihre noch ungelesenen Werke nachholen. Nur wer alle Nominierten gelesen hat, kann sich letztlich auch an der Wahl beteiligen. In dieser vergibt jedes Mitglied zwischen 0 und 15 Punkten pro Roman bzw. Kurzgeschichte, wobei sich auf das persönliche Top- (15 Punkte) und Flop- (0 Punkte) Werk festgelegt werden muss. Dazwischen sind alle Abstufungen möglich.

Und voilà: Wer die meisten Punkte hat, gewinnt.

 

Soviel zu den grundsätzlichen Abläufen.

 

Mittlerweile sind die Siegertitel beider Preise für 2021 bekanntgegeben worden und somit durften auf den üblichen (überwiegend Social Media-) Kanälen auch die alljährlichen Diskussionen wieder beginnen. Wie oben bereits angedeutet in den meisten Fällen mit wenig Bezug zum eigentlichen Inhalt der Preisträgertitel.

 

Ein erster Kritikpunkt ist zum Beispiel immer gerne, dass hier die vermeintlichen „besten“ SF-Werke des Jahres ausgezeichnet werden sollen, was objektiv natürlich gar nicht möglich ist. Dass es sich dabei immer nur um die „nach Meinung der Abstimmenden besten“ Werke handelt, sollte sich eigentlich von selbst verstehen und ist bei keinem Preis der Welt anders ... aber man kann es natürlich trotzdem immer mal wieder bemängeln. Nun gut.

 

Des Weiteren wird in jedem Jahr aufs Neue der Modus in Frage gestellt. Besser gesagt: Die Modi, denn meistens kommen beide gleichermaßen schlecht weg.

 

Bei einer Abstimmung nach Art des KLP lässt es sich nicht vermeiden, dass die bekanntesten, bestverkauften Werke der namhaftesten Autoren automatisch im Vorteil sind. Je mehr Leute einen Roman gelesen haben, desto größere Chancen hat dieser, besonders häufig nominiert bzw. bewertet zu werden (Gleiches gilt natürlich für Kurzgeschichten). Kleine Nischenprodukte von unbekannten Namen, die im Selfpublishing oder bei Kleinverlagen erscheinen, sind entsprechend weniger bekannt, was logischerweise weniger Nominierungsvorschläge und eine geringere Anzahl an (hohen) Punkte-Wertungen zur Folge hat. Nicht umsonst ist der seit vielen Jahren kommerziell erfolgreichste deutsche Autor auch eindeutiger Rekordpreisträger des KLP.

 

Bei einem Jurypreis wie dem DSFP richtet sich die Kritik in erster Linie an eben diese: die Jury. Zunächst einmal ist nicht offiziell bekannt, wer überhaupt darin sitzt. Die Forderung, die Namen der Mitglieder bekannt zu machen, ist zweifellos nachvollziehbar. Denn um den Wert beurteilen zu können, den ein Preis für einen persönlich als Leser*in hat, möchte man gerne einschätzen können: Wer hat ihn denn überhaupt vergeben? Vielleicht lassen sich daraus ja Rückschlüsse ziehen, wie weit die Ergebnisse den eigenen Geschmack treffen können – oder eben nicht.

Zu bedenken ist dabei allerdings: Es handelt sich um ein Nischengenre. Das bedeutet, dass anders als beispielsweise beim Deutschen Buchpreis keine landesweit bekannten Journalisten o.ä. im Preiskomitee sitzen, sondern vor allem SF-Fans wie du und ich. Wenn offen einsehbar ist, dass Paul Müller und Laura Mayer in der Jury mitwirken, dann hilft das den meisten nicht unbedingt weiter. Aber gut - es ist ja immerhin möglich, dass der eine oder andere Name doch geläufig ist, beispielsweise über dessen eigenen Literatur-Blog, Instagram-Account o.ä. So gesehen könnte ein Sichtbarmachen der Jury im Einzelfall doch hilfreich sein.

Wenn man dann allerdings miterlebt, wie alljährlich nach Nominierungs- und Preisträger-Bekanntgabe von einigen Leuten unsachlich kritisiert und teilweise sogar geschimpft und beleidigt wird, dann sollte man auf jeden Fall Verständnis für all jene aufbringen, die ihrem Hobby lieber weiterhin anonym nachgehen wollen. Denn sogar hier lauert eine nicht zu unterschätzende Shitstorm-Gefahr. Traurig, aber wahr.

 

Fazit: Ja, beide Auswahlverfahren haben durchaus ihre Schwächen. Da ist noch Luft nach oben.

Positiv gesehen ist es deshalb aber zumindest gut, dass es zwei unterschiedliche Preise gibt, die auf unterschiedliche Weise zustande kommen.

 

Ein weiterer Anlass zur Kritik: Sowohl dem KLP als auch dem DSFP wird fehlende Diversität vorgeworfen, sowohl was die Namen der Gewinner als auch die  in den Texten behandelten Themen angeht. Das ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Zum Beispiel fällt auf, dass Frauen fast nie gewinnen. Die Zeiten, in denen die Science-Fiction ein reines Männergenre war, hat es ohnehin nie gegeben – aber heutzutage gilt das zweifellos noch weniger als je zuvor. In der jüngsten Vergangenheit lag der Anteil der von Frauen veröffentlichten SF-Romane relativ konstant bei ca. 20-25%. (Hier das Beispiel aus 2020.) Das heißt also nicht, dass nun plötzlich die Hälfte aller Preise an Autorinnen gehen müssen, aber so ungefähr jeder vierte oder fünfte wäre doch - schon rein logisch betrachtet - zumindest zu erwarten.

Woran liegt es, dass davon weit und breit nichts zu erkennen ist? Der Verdacht auf (unbewusste?) Voreingenommenheit oder Vorurteile drängt sich auf.

Gerade auf dem englischsprachigen Markt ist bei allen wichtigen Genrepreisen seit Jahren eher eine gegenteilige Entwicklung zu sehen: Dort werden mittlerweile sehr häufig Werke ausgezeichnet, die eben nicht immer von Männern stammen und die auch thematisch oder stilistisch neue Wege beschreiten. Dieser frische Wind ist in Deutschland in dem Maße offensichtlich noch nicht angekommen, ganz bestimmt nicht in den Siegerlisten des KLP. Auch beim DSFP ist der Frauenanteil nach wie vor verschwindend gering, eine etwas größere Themen- und Stilvielfalt scheint aber doch immerhin gegeben (subjektive Einschätzung).

 

Was also tun?

 

„Die Preise müssen sich ändern“ lautet eine Forderung. Schön und gut – aber wie?

In regelmäßigen Abständen melden sich Stimmen zu Wort, die ganz großartige Verbesserungsvorschläge präsentieren: Der ideale Preis müsste demnach von einer zehn- bis zwanzigköpfigen Jury vergeben werden, die sich aus qualifizierten (was auch immer das heißt) Leuten zusammensetzt, in der alle sozialen Hintergründe, Geschlechter und Subgenrevorlieben angemessen vertreten sind, die am besten noch in regelmäßigem Turnus neu besetzt wird und die sämtliche Werke streng anonymisiert - also ohne Kenntnis des Verfassernamens - liest.

 

Tja. Das wäre eventuell tatsächlich die bestmögliche Art, um gerechte Entscheidungen zu treffen. Soweit die Theorie. Doch nun zurück in die wirkliche Welt:

 

Wie gesagt: Science-Fiction ist eine Nische, und selbst innerhalb dieser Nische interessiert sich nur ein kleiner Teil für Preisvergaben. Wie viele bleiben davon noch, die sich selbst mit Zeit, Geld und Engagement aktiv an einem solchen beteiligen möchten? Spoiler: Fast niemand.

Wer selbst schon einmal an so etwas mitgewirkt hat (ich persönlich war z.B. einige Jahre lang DSFP-Jurymitglied), weiß, wie schwierig es ist, engagierte Mitstreiter*innen zu finden. Auch unter jenen, die diese Preise eigentlich begrüßen, finden sich bestenfalls eine Handvoll, die tatsächlich zu eigener Mitarbeit bereit sind.

Doch auch ohne solche unmittelbaren eigenen Erfahrungen konnte man in den vergangenen Jahren live mitverfolgen, dass andere Genrepreise genau dieselben Probleme haben. So mussten der Deutsche Phantastikpreis (DPP) oder auch der Vincent Preis (Horror) zuletzt wegen mangelnder Beteiligung eingestellt werden. Bei letzterem beispielsweise wurden auch mal wieder reichlich Ideen eingebracht, wie die Organisation ablaufen, die Jury beschaffen, die Teilnehmer qualifiziert sein müssten ... aber als es an die Umsetzung ging, fand sich letztlich niemand, der tatsächlich etwas auf die Beine gestellt hätte.

 

Bei allem guten Willen: Der Faktor "Personalmangel" ist nun mal ein ganz gravierender, wenn nicht sogar der alles entscheidende.

 

Ideen, um bestehende Zustände zu verbessern, sind natürlich immer zu begrüßen ... sofern sie denn halbwegs realistisch sind. Auffällig in diesem Zusammenhang ist übrigens: Diejenigen, die ganz besonders ambitionierte Vorschläge machen, haben selber leider nie die Zeit dazu – sind sich aber zugleich sicher, dass es da draußen scharenweise Menschen gibt, die ein solches Amt mit Freuden übernehmen würden. Dazu, wo sich diese Scharen bisher versteckt halten, äußern sie sich allerdings leider nicht.

Doch abseits aller realitätsfremder Wunschträume (und des daraus resultierenden Sarkasmus') bleibt festzuhalten: Es ist schwierig.

 

Es mag Genrepreise geben, bei denen es besser gelingt - doch sind dabei dann oft die Voraussetzungen günstiger. Der Seraph beispielsweise ist ein Preis für die gesamte Phantastik, schließt also auch Fantasy, Horror und sämtliche weiteren Spielarten mit ein. Das bedeutet: Die angesprochene Zielgruppe beträgt gleich mal ein Vielfaches im Vergleich zu einem reinen Science-Fiction-Preis. Zudem wird er jährlich auf der Leizpiger Buchmesse vergeben, was eine unendlich höhere Werbewirksamkeit bedeutet und somit entsprechend größeres Interesse beispielsweise bei den Verlagen hervorruft. Rahmenbedingungen, von denen KLP oder DSFP nur träumen können. Prestige oder nennenswerte wirtschaftliche Auswirkungen sind da nicht ernsthaft zu erwarten.

 

Soll man solche Preise also generell abschaffen? Sicher – es wäre kein Weltuntergang und die großen Feuilletons des Landes würden wohl kaum darüber berichten.

Da es aber doch (Achtung: Unbelegte Behauptung!) eine ganze Reihe von Leuten gibt, die solche Preis- oder Nominierungslisten mit Interesse verfolgen und gerne Tipps und Inspirationen für sich daraus ziehen, wäre es doch schon irgendwie schade darum.

 

Wer nichts damit anfangen kann, kann sie ja ruhig ignorieren. Wer die eigene Meinung stärker wiederfinden möchte, darf sich beteiligen (als Nicht-Brancheninsider zumindest beim DSFP). Wer die Struktur oder den Ablauf der vorhandenen Awards ablehnt, möchte vielleicht etwas eigenes auf die Beine stellen. Das könnte ein neuer Preis sein oder auch etwas ganz anderes. Die seit einigen Jahren monatlich erscheinende Phantastik Bestenliste ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich abseits von möglicherweise festgefahrenen oder nicht mehr zeitgemäßen „Institutionen“ neue Wege beschreiten lassen.

 

Zum Schluss noch der Appell an die SF-Leserschaft - also an uns alle: Wir sollten uns häufiger aus unseren Nischen herauswagen. Egal, für wie experimentierfreudig man sich selbst hält, im Zweifelsfall greift man eben doch allzu oft zum nächsten Teil der Endlos-Serie oder zum neuesten Roman des altbekannten Erfolgsautors, anstatt sich einfach mal ein Buch eines klitzekleinen Verlags, einer unbekannten Autorin oder eines ungewohnten Subgenres zu kaufen. Denn mit der altbekannten üblichen More-of-the-same - Methode befriedigen wir zwar immer wieder unsere eigenen Erwartungen ... irgendwie ... aber mal ganz ehrlich: Wird das nicht doch irgendwann langweilig?

 

Ach ja - und dann ist da natürlich noch der sf-Lit Award, der seit 2016 alle anderen nationalen wie internationalen Genrepreise überstrahlt!

Na gut, das ist jetzt natürlich mit einem Augenzwinkern zu verstehen, denn selbstverständlich handelt es sich dabei um eine ganz und gar inoffizielle Angelegenheit, noch dazu völlig unausgewogen, denn die Jury ist stets dieselbe und besteht nur aus einer einzigen Person.

Aber möglicherweise finden sich für Interessierte ja trotzdem immer mal wieder ein paar Anregungen oder Lesetipps. 

Und ganz genau darum sollte es bei sämtlichen Literaturpreisen, Awards oder Bestenlisten doch letzten Endes gehen!