Ben Smith

Dahinter das offene Meer

"Doggerland" 

 

2019

   

 

 

 

Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence 

Liebeskind

254 Seiten



Zwei Männer leben auf einer riesigen Nordsee-Offshore-Windkraftanlage und sind dort - offenbar von einer ominösen Firma zwangsverpflichtet und ohne Chance, zu entkommen - für Reparaturen und Instandhaltung der Windräder verantwortlich. Die Versorgungslage ist jedoch ebenso dürftig wie unzuverlässig; Ersatzteile und Materialien reichen nie aus, so dass es immer nur notdürftige, provisorische Lösungen gibt. Die gesamte, zig Quadratkilometer große und aus mehreren tausend Rädern bestehende Anlage verfällt deshalb mehr und mehr. Auch die Außenwelt scheint sich in einem solchen Zustand des Zerfalls zu befinden, wobei wir davon nur andeutungsweise und indirekt etwas mitbekommen.

 

Die Geschichte darf man sich - ein Paradox angesichts der weiten Nordseekulisse - als echtes Kammerspiel vorstellen. Sie dreht sich um das Mit- oder Gegeneinander der beiden von der Zivilisation abgeschnittenen Männer, um ihren jeweiligen Umgang mit der endlosen Monotonie, um die Sinn- und Hoffnungslosigkeit, in der sie gefangen sind.

Die deprimierende, beklemmende Stimmung wird vom Autor sehr eindringlich eingefangen, Parallelen zu John Lanchesters "Die Mauer" drängen sich auf. Man sollte sich also für die detaillierte Darstellung von düsterer Atmosphäre und ihrer Auswirkung auf die betroffenen Menschen interessieren, denn abwechslungsreiche Handlung gibt es relativ wenig. Aber genau darum geht es ja irgendwie auch. Wenn es hier beispielsweise heißt, dass jemand mehrere Tage lang auf den leeren Horizont starrt, dann kann man sich vorstellen, wie stumpf, langweilig und zäh das ist - und entsprechend liest es sich teilweise auch.

 

Im Original heißt der Roman übrigens "Doggerland". So wird die Landverbindung zwischen den britischen Inseln und dem europäischen Festland bezeichnet, die nach dem Ende der letzten Eiszeit vom ansteigenden Meeresspiegel überflutet wurde. Auch hier im Buch spielt eine untergegangene Welt eine Rolle - und zwar keineswegs nur im metaphorischen Sinn.

Was eine im Meer versinkende Zivilisation für den Planeten bedeutet, auf dem wir leben, stellt Ben Smith mit seinem Text gleichwohl unmissverständlich klar: Es ist ein völlig normaler, gleichgültiger Vorgang und zudem nicht mehr als ein Wimpernschlag im Laufe von vielen Jahrmillionen.

 

Hinsichtlich der eigentlichen Handlung im Offshorepark sowie dem Zustand der Welt insgesamt wird vieles nur angedeutet, und so bleiben konsequenterweise auch am Ende die meisten Fragen unbeantwortet. Wer eindeutige Aussagen und klare Auflösungen bevorzugt, dürfte das Buch also eher unbefriedigend finden.

 

Ein schriftstellerisch sicherlich gut gelungener und zudem nachdenklich machender Roman. Allerdings auch einer, der es einem nicht leicht macht und auf den man sich einlassen muss. Daher nur eine eingeschränkte Leseempfehlung - an all jene nämlich, die ein solch melancholischer Trip nicht abschreckt.


Ben Smith

Dahinter das offene Meer

Eine sf-Lit Rezension von 2021