Max Barry

Providence

"Providence" 

 

2020

 

 

 

 

 

Übersetzung: Bernhard Kempen

Heyne

400 Seiten



Der Australier Max Barry hatte in seinem früheren Leben beruflich mit Computern zu tun, und so wundert es nicht, dass dieses Themengebiet regelmäßig in seinem Werk auftaucht. So auch in seinem insgesamt sechsten Roman "Providence", in dem Künstliche Intelligenz eine entscheidende Rolle spielt.

 

Die Ausgangssituation: In den Weiten des Weltalls führt die Menschheit Krieg gegen eine fremdartige Alienrasse. Das sieht in diesem Fall so aus, dass an Bord von riesigen, hochmodernen Raumschiffen Mini-Besatzungen von gerade mal vier Leuten umherziehen, um Feinde aufzuspüren und zu bekämpfen. Mehr menschliches Personal ist nicht erforderlich, weil die Schiffe dieser neuartigen sogenannten Providence-Klasse nichts anderes als autonome, komplett KI-gesteuerte Superrechner sind, die über sämtliche Manöver, Strategien und Gefechtsabläufe völlig selbstständig entscheiden.

Genau genommen ist die Besatzung nur dazu da, die Öffentlichkeit auf der Erde mittels spannender und unterhaltsamer Blogs, Feeds, Interviews und Filmchen über den Verlauf des Krieges zu "informieren". Sie sind letztlich also Medienstars und bloße Staffage, und offenbar war eine dementsprechende Eignung auch Hauptkriterium für ihre Rekrutierung; das Auswahlverfahren wurde übrigens ebenfalls vollautomatisch von Algorithmen bzw. Künstlichen Intelligenzen durchgeführt.

Doch es kommt wie es kommen muss: der Einsatz der "Providence 5" verläuft nicht wie geplant, und spätestens als die Entfernung zur Erde so groß wird, dass die Besatzung auf sich gestellt ist, stellt sich die Frage, ob es wirklich eine so gute Idee war, sämtliche Entscheidungen einem Computer zu überlassen.

 

Ein Buchrücken-Blurb kündigt "eine Mischung aus Starship Troopers und Alien" an - das darf man unbedingt noch um "Das große Spiel / Ender's Game" ergänzen, denn daran erinnert die Geschichte mindestens ebenso sehr. Was ja wahrlich nicht die schlechteste Referenz ist. Zumindest im ersten Teil des Romans sind zu den beiden erstgenannten sogar eher wenige Parallelen erkennen, denn in weiten Teilen geht es hier extrem ruhig zu und es steht vor allem die Psychologie der vierköpfigen Besatzung im Mittelpunkt - ihre persönlichen Eigenheiten, ihr Verhältnis untereinander, ihr jeweiliger Umgang mit der jahrelangen Isolation und mit ihrer Rolle in dem ganzen Spektakel. Erst später kommen auch andere Aspekte hinzu, die dann schon eher Ähnlichkeiten zu den genannten Klassikern erkennen lassen.

 

Apropos "später kommen andere Aspekte dazu": Es ist überhaupt die große Besonderheit und Stärke von "Providence", dass Tempo, Ausrichtung und Tonalität im Verlauf der Geschichte mehrfach wechseln. Von psychologischen Studien über Action, Gesellschafts- und Medienkritik bis hin zu purem Abenteuer und Sense of Wonder ist alles dabei. Und das funktioniert ganz hervorragend, weil der Autor sein Handwerk beherrscht. So kann man sich beim Lesen nie sicher sein, welcher Haken möglicherweise im folgenden Kapitel geschlagen wird und in welche Richtung sich Handlung oder Blickwinkel als nächstes entwickeln könnten.

 

Auch der souveräne, immer wieder von leichtem Humor geprägte Schreibstil macht viel Spaß, sofern man Freude an Formulierungen wie diesen hat:

 

"Ich bin so nervös, ich könnte kotzen", sagte die Person links von ihm. "Dieser Blaubeerjoghurt fühlt sich immer mehr wie ein großer Fehler an."

oder

"Ich glaube an euch", sagte Len und betrachtete Gilly noch etwas länger, was, wie Gilly fand, seine Botschaft unterminierte."

 

Streng genommen bietet Max Barry hier inhaltlich gar nicht allzu viel Neues, sondern überwiegend Ideen, die es so oder so ähnlich - siehe oben - bereits in früheren Werken der Science-Fiction gegeben hat. Aber ihre originelle Verknüpfung und gekonnte Zusammensetzung macht "Providence" dann eben doch zu einem außergewöhnlichen und absolut lesenswerten Roman. Empfehlung!

 


Max Barry

Providence

Eine sf-Lit Rezension von 2022