Isaac Asimov

Die nackte Sonne

"Naked Sun" 

 

1957

   

 

 

 

Übersetzung: Heinz Nagel

Heyne

288 Seiten



"Die nackte Sonne" ist nach "Die Stahlhöhlen" der zweite SF-Krimi aus Asimovs Roboter-Universum um den menschlichen Ermittler Elijah Baley und seinen Androiden-Kollegen R. Daneel Olivaw. Darin ist die Menschheit in zwei Gruppen zu unterteilen: Die meisten leben immer noch auf der Erde, wo sie allerdings jeden Bezug zur Natur, zur Außenwelt, zum "Draußen" ganz allgemein verloren haben. Sie haben sich in unterirdischen Megacities - ihren sogenannten Stahlhöhlen - eingerichtet, die sie praktisch überhaupt nicht mehr verlassen. Mehr noch: Ein Aufenthalt unter freiem Himmel oder auch nur ein Blick auf die Erdoberfläche ist gänzlich unvorstellbar und der bloße Gedanke daran furchteinflößend geworden.

Dem gegenüber gibt es die "Spacer" - jene Menschen, die in den Weltraum aufgebrochen sind und Dutzende von Planeten besiedelt haben. Sie sind technisch weit überlegen und blicken voller Hochmut auf die zurückgebliebenen "Erdenmenschen" herab. Doch auch sie haben im Laufe der Jahrhunderte so ihre Neurosen entwickelt, beispielsweise in Form von panischer Angst und Ekel vor der Enge, den Krankheiten und dem dichtgedrängten milliardenfachen Zusammenleben auf der Erde. 

 

Die Geschichte beginnt damit, dass der Detektiv Elijah Baley seine vertraute Heimat verlassen muss - ein für seinesgleichen einmaliger und schier unvorstellbarer Vorgang -, um einen Mordfall auf einem fernen Planeten aufzuklären. Dabei wird ihm sein aus einem früheren Fall (siehe "Die Stahlhöhlen") vertrauter Roboter-Partner zur Seite gestellt. Er hat zunächst keine Ahnung, was ihn erwartet, denn über das Leben jener "Spacer" ist auf der Erde praktisch nichts bekannt.

Wie sich herausstellt, haben die Bewohner des fraglichen Planeten Solaria nun noch eine ganz besondere Eigenheit: dort geht die Panik vor unmittelbarer menschlicher Gesellschaft so weit, dass sie allesamt völlig isoliert leben, ausschließlich mit Hilfe technischer Hilfsmittel kommunizieren und jede persönliche Begegnung mit anderen Menschen als völlig undenkbar und durch und durch widerwärtig empfinden.

 

Im Roman dreht es sich nun streng genommen nur am Rande um den Kriminalfall und dessen Auflösung, sondern in erster Linie um die Welt, in der das Ganze spielt (und die übrigens ca. 3.000 Jahre in der Zukunft liegt). Um die verschiedenen Gesellschaftsformen, die sich dort entwickelt haben und, wie es sich für Asimov-Geschichten gehört, immer wieder um die von ihm formulierten drei Gesetze der Robotik und alles, was damit zusammenhängt. Also darum, welche Probleme und Gefahren, welche Möglichkeiten und Besonderheiten sich aus diesen Regeln ergeben und ob sie vielleicht sogar irgendwie umgangen werden könnten.

 

Teilweise wirkt das soziologisch/psychologisch natürlich ziemlich dick aufgetragen: eine Gesellschaft, deren Menschen sich nicht unter freien Himmel wagen sowie eine Gesellschaft, in der es als unerträglich und ekelerregend gilt, andere Menschen auch nur anzusehen. Aber wenn man sich darauf einmal eingelassen hat, wird klar, dass diese sehr übertrieben wirkende Prämisse eben genau dazu dient (und durchaus geeignet ist), verschiedene Gesellschaftsformen aufzuzeigen, die sich unabhängig voneinander entwickelt haben. Auf diese Weise wird das Entstehen bestimmter, sehr spezieller soziologischer Phänomene und anerzogener "Selbstverständlichkeiten" verdeutlicht. Das ist dann schon wieder ziemlich geschickt gemacht und hochinteressant.

 

Der Text als solcher ist in vielerlei Hinsicht natürlich sehr altmodisch und heute so nicht mehr vorstellbar. Er erschien 1957 und das merkt man ihm stilistisch und vor allem inhaltlich deutlich an. Die Charakterzeichnungen sind eher flach und bestimmte Rollenbilder und Moralvorstellungen stoßen beim Lesen sauer auf. Wenn man sich dessen bewusst ist und es ausblenden kann und möchte, dann - und nur dann - lassen sich in dieser Geschichte durchaus einige spannende Gedanken und Theorien entdecken. Ob es das wert und jenseits von SF-historischem Interesse noch nötig ist, muss jede/r für sich selbst entscheiden.

 

 

 



Max Barry

Providence

"Providence" 

 

2020

 

 

 

 

 

Übersetzung: Bernhard Kempen

Heyne

400 Seiten



Der Australier Max Barry hatte in seinem früheren Leben beruflich mit Computern zu tun, und so wundert es nicht, dass dieses Themengebiet regelmäßig in seinem Werk auftaucht. So auch in seinem insgesamt sechsten Roman "Providence", in dem Künstliche Intelligenz eine entscheidende Rolle spielt.

 

Die Ausgangssituation: In den Weiten des Weltalls führt die Menschheit Krieg gegen eine fremdartige Alienrasse. Das sieht in diesem Fall so aus, dass an Bord von riesigen, hochmodernen Raumschiffen Mini-Besatzungen von gerade mal vier Leuten umherziehen, um Feinde aufzuspüren und zu bekämpfen. Mehr menschliches Personal ist nicht erforderlich, weil die Schiffe dieser neuartigen sogenannten Providence-Klasse nichts anderes als autonome, komplett KI-gesteuerte Superrechner sind, die über sämtliche Manöver, Strategien und Gefechtsabläufe völlig selbstständig entscheiden.

Genau genommen ist die Besatzung nur dazu da, die Öffentlichkeit auf der Erde mittels spannender und unterhaltsamer Blogs, Feeds, Interviews und Filmchen über den Verlauf des Krieges zu "informieren". Sie sind letztlich also Medienstars und bloße Staffage, und offenbar war eine dementsprechende Eignung auch Hauptkriterium für ihre Rekrutierung; das Auswahlverfahren wurde übrigens ebenfalls vollautomatisch von Algorithmen bzw. Künstlichen Intelligenzen durchgeführt.

Doch es kommt wie es kommen muss: der Einsatz der "Providence 5" verläuft nicht wie geplant, und spätestens als die Entfernung zur Erde so groß wird, dass die Besatzung auf sich gestellt ist, stellt sich die Frage, ob es wirklich eine so gute Idee war, sämtliche Entscheidungen einem Computer zu überlassen.

 

Ein Buchrücken-Blurb kündigt "eine Mischung aus Starship Troopers und Alien" an - das darf man unbedingt noch um "Das große Spiel / Ender's Game" ergänzen, denn daran erinnert die Geschichte mindestens ebenso sehr. Was ja wahrlich nicht die schlechteste Referenz ist. Zumindest im ersten Teil des Romans sind zu den beiden erstgenannten sogar eher wenige Parallelen erkennen, denn in weiten Teilen geht es hier extrem ruhig zu und es steht vor allem die Psychologie der vierköpfigen Besatzung im Mittelpunkt - ihre persönlichen Eigenheiten, ihr Verhältnis untereinander, ihr jeweiliger Umgang mit der jahrelangen Isolation und mit ihrer Rolle in dem ganzen Spektakel. Erst später kommen auch andere Aspekte hinzu, die dann schon eher Ähnlichkeiten zu den genannten Klassikern erkennen lassen.

 

Apropos "später kommen andere Aspekte dazu": Es ist überhaupt die große Besonderheit und Stärke von "Providence", dass Tempo, Ausrichtung und Tonalität im Verlauf der Geschichte mehrfach wechseln. Von psychologischen Studien über Action, Gesellschafts- und Medienkritik bis hin zu purem Abenteuer und Sense of Wonder ist alles dabei. Und das funktioniert ganz hervorragend, weil der Autor sein Handwerk beherrscht. So kann man sich beim Lesen nie sicher sein, welcher Haken möglicherweise im folgenden Kapitel geschlagen wird und in welche Richtung sich Handlung oder Blickwinkel als nächstes entwickeln könnten.

 

Auch der souveräne, immer wieder von leichtem Humor geprägte Schreibstil macht viel Spaß, sofern man Freude an Formulierungen wie diesen hat:

 

"Ich bin so nervös, ich könnte kotzen", sagte die Person links von ihm. "Dieser Blaubeerjoghurt fühlt sich immer mehr wie ein großer Fehler an."

oder

"Ich glaube an euch", sagte Len und betrachtete Gilly noch etwas länger, was, wie Gilly fand, seine Botschaft unterminierte."

 

Streng genommen bietet Max Barry hier inhaltlich gar nicht allzu viel Neues, sondern überwiegend Ideen, die es so oder so ähnlich - siehe oben - bereits in früheren Werken der Science-Fiction gegeben hat. Aber ihre originelle Verknüpfung und gekonnte Zusammensetzung macht "Providence" dann eben doch zu einem außergewöhnlichen und absolut lesenswerten Roman. Empfehlung!

 


Isaac Asomov, Die nackte Sonne

Max Barry, Providence

Eine sf-Lit Rezension von 2022