Bethany Clift

Die Letzte macht das Licht aus

"Last One at the Party" 

 

2021

 

 

 

Übersetzung: Lilith Winter

Heyne

464 Seiten



Die Corona-Pandemie ist kaum überwunden, da wird die Menschheit von einer neuen Seuche heimgesucht, und die ist sogar noch dramatischer: die Erkrankten sterben bereits nach sechs Tagen und das Virus ist dermaßen ansteckend, dass es in kürzester Zeit tatsächlich alle erwischt! Nun gut - alle bis auf eine, und das ist demnach die Ich-Erzählerin, die sich nun in einer schlagartig leer gewordenen Welt zurechtfinden muss.

 

Zunächst erleben wir aus Sicht der auf unerklärliche Weise verschont gebliebenen Protagonistin hautnah mit, wie die Katastrophe die ganze Welt ereilt und schließlich auch in ihrem eigenen Umfeld die Menschen dahingerafft werden, bis sie schließlich ganz allein zurückbleibt.

Das alles geht so rasend schnell, dass für wirkungsvolle Rettungsmaßnahmen praktisch überhaupt keine Zeit bleibt. Oder, nun ja, für Demonstrationen gegen eben solche ...

 

Im weiteren Verlauf des Romans wechseln sich nun ihre Erlebnisberichte aus dieser Horror-Umgebung mit Erinnerungen an ihr früheres Leben ab. Die Idee dahinter ist ganz offensichtlich, zu zeigen, wie sie auf diese Weise nach und nach zu sich selbst findet - was auch durchaus ganz gut gelingt.

 

Die erste Hälfte und überhaupt weite Teile des Buchs sind wirklich sehr überzeugend: Die Darstellung, wie schnell und unausweichlich die Krankheit um sich greift, wie überall die Menschen sterben und was das für eine täglich leerer werdende Welt bedeutet, ist ebenso interessant beschrieben wie die ersten Versuche der Protagonistin, sich inmitten dieses Schocks irgendwie zurechtzufinden. Zu überleben, ohne wahnsinnig zu werden.

Auch der Stil passt hervorragend: Die Autorin verwendet eine direkte, klare, geradlinige Sprache und schreckt notfalls auch nicht vor drastischen Schilderungen zurück (die in einer Welt voller verwesender Leichen nun mal unvermeidlich sind). Gelegentlich blitzt angesichts der schrecklichen Situation sogar etwas Galgenhumor oder Sarkasmus auf, jedoch ohne jemals in übertriebenen Zynismus abzurutschen.

 

Es gibt allerdings auch einige kritikwürdige Aspekte, gerade in der zweiten Hälfte. So wirken die in den Rückblenden (wo auch sonst?) auftauchenden Personen - vom Ehemann über den Jugendfreund, die beste Freundin, Arbeitskollegen bis hin zur Erzählerin selbst - durch die Bank unsympathisch. Zudem stellt sich die Protagonistin konsequent dämlich an und lernt auch offenbar niemals dazu. Nun gut, bis zu einem gewissen Grad mag das in solch einer Extremsituation nachvollziehbar sein, aber manchmal nervt es dann doch etwas.

An einer Stelle kommt es schließlich zu einem "überraschenden" Twist, den man allerdings schon von weitem kommen sieht.

Außerdem geraten in diesem Buch sämtliche Zeit- oder Entfernungsangaben irgendwie durcheinander: Da fährt sie von morgens bis abends mit dem Auto nonstop über völlig freie Straßen, ist aber für ein paar hundert Kilometer eine komplette Woche unterwegs. Oder sie schneit in allerkürzester Zeit ein, quasi unbemerkt (im Auto fahrend!) und so dermaßen tief, dass sie danach das Haus wochenlang nicht verlassen kann. Anschließend taut diese ganze meterhohe Schneepracht innerhalb von einer einzigen Nacht komplett und rückstandslos auf.

Oder: Binnen weniger Wochen wird sie erst drogensüchtig, macht dann einen qualvollen Entzug durch und ist schließlich wieder clean. Das ging flott.

Strom- und Wasserversorgung funktionieren lange nach dem Verschwinden der Menschen in vielen Gegenden seltsamerweise immer noch, gleichzeitig sind aber bereits nach drei Monaten erste Brücken verfallen und "normale" Tiere zu mordlustigen Bestien mutiert.

Kurzum: Rein logisch betrachtet passt da einfach vieles vorne und hinten nicht zusammen.

 

Das Ende der Geschichte ist dann wieder sehr gut gelungen. Inwieweit allerdings die genannten Ungereimtheiten bis dahin den Lesespaß schon eingeschränkt haben, muss nun jede/r für sich selbst entscheiden.

 

Alles in allem also ein Roman, der zweifellos vieles richtig macht, aber leider auch ein paar Patzer zu viel aufweist.


Bethany Clift

Die Letzte macht das Licht aus

Eine sf-Lit Rezension von 2022