Laurent Binet

Eroberung

"Civilizations" 

 

2019

   

 

 

 

Übersetzung: Kristian Wachinger 

Rowohlt

382 Seiten



Dieser Alternativweltroman des Franzosen Laurent Binet geht von zwei Prämissen aus. Erstens: Der "Erstkontakt" der Wikinger mit dem Amerikanischen Kontinent, zu dem es um das Jahr 1000 herum ja tatsächlich kam, hat hier wesentlich umfangreicher und nachhaltiger stattgefunden. Die Nordeuropäer sind bis nach Mittel- und Südamerika vorgedrungen und haben sich dort im Laufe der Jahrhunderte mit den Ureinwohnern vermischt.

Zweitens: Die berühmte Expedition des Christoph Kolumbus im Jahr 1492 endete für ihn und seine Mitstreiter nach Scharmützeln mit den Eingeborenen fatal - sie sind von ihrer Fahrt nicht wieder zurückgekehrt, er selbst starb Jahre später in Gefangenschaft.

Die Folgen dieser Ereignisse waren weitreichend: So hatten Teile der Amerikanischen Ureinwohner einige Jahrhunderte Zeit, Abwehrkräfte gegen aus Europa eingeschleppte Krankheiten zu bilden. Zudem wussten sie bereits um die "Neue Welt" jenseits des Ozeans und lernten außerdem frühzeitig zuvor Unbekanntes wie Pferde, Eisenverarbeitung, Schusswaffen, Land- bzw. Seekarten und riesige Segelschiffe kennen.

 

 

Aufgrund all dieser Entwicklungen sind es in Binets Roman im 16. Jahrhundert nun also die Inka, die in Europa landen und dort gewaltigen Einfluss nehmen. Anfangs treffen nur einige Hundert ein, später folgen viele mehr. Durch geschickte Politik und Bündnisse mit den untereinander in Konflikt stehenden europäischen Mächten jener Zeit gelingt es ihnen, auf dem neu entdeckten Kontinent religiöse, territoriale, machtpolitische und militärische Oberhand zu gewinnen. Also genau umgekehrt zur tatsächlichen Geschichte.

 

Für historisch Interessierte ist es faszinierend zu lesen, wie Binet die verschiedenen Aspekte einer solchen Entwicklung miteinander verwebt, wie genau er die historischen Begebenheiten jener Zeit berücksichtigt, welche Möglichkeiten er erkennt und realistisch darstellt. Zahlreiche tatsächliche historische Persönlichkeiten und überlieferte Ereignisse werden aufgegriffen und in den neuen Kontext einsortiert. Nicht selten sieht man sich veranlasst, bestimmte Namen, Begriffe, Orte oder Ereignisse nachzuschlagen und sich zu fragen: Wie war das damals eigentlich wirklich? Der Autor beweist ein breites geschichtliches Wissen und versteht es, dieses in seinen Roman einfließen zu lassen ... und  entsprechend abzuändern. Das ist ebenso beeindruckend wie lehrreich, und am Ende bleibt die Erkenntnis: So ähnlich hätte die Geschichte in der Tat verlaufen können - und wie anders sähe die Welt dann heute aus?

 

Nun blicken wir ja heute mit einigen Jahrhunderten Abstand auf die damalige Zeit, so dass unsere Perspektive ohnehin von den Kenntnissen (und Lücken) der Geschichtsschreibung geprägt ist. Doch sind wir es gewohnt, dabei stets durch die europäische Brille zu schauen. Mit dem im Roman vorgenommenen Perspektivwechsel, die Ereignisse aus Sicht der Inka zu erzählen, gelingt Binet noch ein zusätzlicher Blick "von außen" auf die Zustände jener Zeit. Wie wunderlich anderen Kulturen vieles vorkommen mussten, was für Europäer jener Zeit ganz selbstverständlich war. Der religiöse Fanatismus oder die Gier nach Gold und Silber sind dabei sicher die "prominentesten" Beispiele.

 

Das Buch ist im Stile einer rückblickenden historischen Zusammenfassung verfasst, fast sachbuchartig und aus Chronisten-Perspektive. Das ist einerseits sehr konsequent und dem Thema angemessen, hat aber andererseits zur Folge, dass das Ganze insgesamt doch sehr trocken rüberkommt. Manche Passagen, in denen beispielsweise der neueste politische Schachzug oder die Beziehungen einzelner Mächte zueinander geschildert werden, ziehen sich doch bisweilen ganz schön in die Länge. Man sollte also keine spannende Abenteuergeschichte erwarten und auch keine detailliert gezeichneten Figuren, mit denen man mitfiebert und die einem so richtig ans Herz wachsen. Hier wird ganz nüchtern über pseudo-historische Persönlichkeiten und pseudo-weltgeschichtliche Geschehnisse berichtet.

 

Fazit: Eine wahre Fundgrube für Geschichtsinteressierte, aber eben kein klassischer Schmöker, wie man es normalerweise von historischen Romanen oder Alternativweltgeschichten gewohnt ist.


Laurent Binet

Eroberung

Eine sf-Lit Rezension von 2021