Theresa Hannig

Parts Per Million

 

2024

   

  

 

 

 

 

Fischer Tor

368 Seiten



Theresa Hannigs Science-Fiction-Romane behandeln aktuelle Fragen und Themen - manchmal sogar so aktuelle, dass man sich fragen könnte, in wie weit es sich überhaupt noch um Science-Fiction handelt.

Nachdem es in "Die Optimierer" um staatliche Überwachung und in "Pantopia" um Künstliche Intelligenz ging, dreht es sich in "Parts Per Million" um den Klimakollaps. Genauer gesagt: um den Widerstand gegen eine Politik, die diesen nicht bekämpft, sondern ihn sogar - direkt oder indirekt - immer weiter fördert.

 

Zur Handlung: Die Hauptfigur, eine Schriftstellerin, gerät mehr oder weniger zufällig und aus beruflicher Neugier in Kontakt mit einer Gruppe von Klimaschutz-Aktivisten. Im Dialog mit diesen jungen Leuten überdenkt sie nach und nach ihre eigene eher ignorante Einstellung zum Thema, ihr Mitläufertum, ihre Verdrängungsmechanismen ... kurz: alles, was vermutlich auf die allermeisten von uns zutrifft. Sie weiß, dass die Klimakrise da ist, dass sie immer dramatischer wird und dass sehr viel mehr dagegen unternommen werden müsste - aber selbst persönlich dabei aktiv zu werden, liegt ihr dann doch erstmal fern. Aber durch ihre neuen Bekanntschaften, die Auseinandersetzung mit der Sache und die Erfahrungen, die sie schließlich als friedlich Protestierende macht (Stichworte: rückwärtsgewandte Politik, Polizeigewalt, Medienmanipulation), wird sie in ihrem Denken und Handeln immer radikaler.

 

Die Autorin geht dabei sehr geschickt vor: durch das Einstreuen von aktuellen (realen!) Meldungen zur Klimakrise sowie durch die Erlebnisse der handelnden Personen wird man beim Lesen zunehmend alarmiert und eben auch dafür sensibilisiert, dass da verdammt viel schief läuft. Man entwickelt Verständnis für die Notwendigkeit, etwas zu unternehmen.

Mit zunehmender Radikalisierung der Protagonisten lässt dieses Verständnis dann zwar mehr und mehr nach - aber die Sensibilisierung für die Probleme und die katastrophale Lage ist da bereits vollzogen.

Diese präzise Beschreibung der Situation und die daraus zwangsläufig resultierende Wut ist dermaßen nachvollziehbar aufgebaut, dass die Autorin offenbar selbst ein wenig Bedenken bekam und deshalb im Nachwort noch einmal ausdrücklich betont, dass Gewalt - im Widerspruch zum provokanten Untertitel des Romans - selbstverständlich KEINE Lösung sein kann.

 

Theresa Hannig denkt in dieser Geschichte aktuelle Entwicklungen einen (kleinen) Schritt weiter und geht dabei von zwei wichtigen Prämissen aus, durch die die Ereignisse im Roman in Gang gesetzt werden:

Zum einen eine noch rechtere Regierung mit noch rigoroserem Vorgehen gegen Klimaschützer bzw. gegen Protestierende im Allgemeinen.

Zweitens eine noch größere Frustration unter den Aktivisten, die sich früher oder später in Gewalt entlädt.

Auf beide dieser Voraussetzungen bewegen wir uns aktuell - daran kann es wohl keinen Zweifel geben - geradewegs zu. Mehr noch: Wir sind sogar schon dermaßen nah dran, dass der Roman nur so gerade eben noch als Science-Fiction durchgeht. Hoffen wir, dass er das auch bleibt.

Wobei wir gelernt haben: nur hoffen reicht dabei nicht, wir müssen auch aktiv werden. Aber immer und unbedingt mit friedlichen und demokratischen Mitteln.

 

Ein Buch, das aufrüttelt! Und das übrigens auch zeigt, dass Theresa Hannig nicht nur etwas zu sagen hat, sondern auch eine richtig gute Autorin ist.

 

 


Theresa Hannig

Parts Per Million

Eine sf-Lit Rezension von 2025